Selbstfindung, politisch.

2018 ist nicht das Jahr, in dem ich zur Anarchistin wurde. Es ist aber das Jahr, in dem ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Anarchistin nenne.

Notizbuch von Miri Watson und Kaffee auf einem Tisch
Notizbuch und Kaffee auf einem Tisch

In diesem Jahr habe ich mich stark repolitisiert, habe Gedanken weiter gedacht, die ich zuletzt als Jugendliche dachte. In den Jahren, die seitdem vergangen sind, hatte ich immer eine Scheu, mich klarer politisch zu äußern, weil mir das angebliche Churchill-Zitat im Kopf herumging: „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ Ähnliche Dinge haben andere Leute zu mir gesagt, denen ich mehr vertraue als Churchill. Also habe ich abgewartet, habe mich gefragt, wann mein Hirn mir sagt, dass ich auf dem Holzweg bin, wann denn endlich die Vernunft einsetzt bei mir. Die Vernunft kam und kam nicht, also traute ich mich nicht, mich zu äußern, weil ich mir meiner Sache nicht sicher genug war.

Da sind viele lose Fäden in meinen Händen, die ich in diesem Jahr entwirrt und miteinander verknüpft habe. Viele Zusammenhänge, von denen ich jetzt mehr verstehe. Es gibt und wird immer noch so viel zu lesen, zu lernen, zu hören geben. Damit werde ich nie fertig sein, denn ein politischer Mensch zu sein, das ist ein Prozess. Man darf niemals damit aufhören, zu hinterfragen, was man glaubt, aber trotzdem kann man dem, was man in diesem Moment für richtig hält, einen Namen geben.

Ich bin jetzt 26 und fühle mich manchmal wieder pubertierend in diesen Tagen; so wild sind die Gedanken, die durch meinen Kopf rasen. Zwar hat sich meine grundlegende politische Einstellung weder geändert, noch habe ich mich radikalisiert Aber bisher war einzig mein Verstand die Basis für meine politischen Überlegungen und sie waren gedämpft, oft sogar betäubt, von den Ablenkungen des Kapitalismus und vor allem von meinem milden Optimismus. Von meinem naiven Glauben daran, dass alles gut werden könnte, wenn die Leute nur einmal nachdächten, von meiner Überzeugung, dass wir eigentlich mehr wären.

Mein Verstand lenkt meine Überlegungen immer noch, natürlich, aber was mich jetzt zusätzlich antreibt ist die Wut. Es ist eigentlich niemals in Ordnung gewesen, daran zu glauben, dass alles schon gut werden würde, es war immer mehr Selbstbetrug und Streben nach falscher Harmonie. 2018 habe ich mehr als jemals zuvor gemerkt, wie sehr durchdrungen unser ganzes Leben von den Ordnungsstrukturen des Kapitalismus, des Patriarchates, des herrschenden Systems ist. Mehr denn je wurde mir bewusst, dass wir das nicht einfach abschütteln können. Dass wir alles – wirklich alles – hinterfragen müssen, was wir für gültig halten.

Ich will nicht rassistisch sein, will keine sexistischen, klassistischen, transfeindlichen, ableistischen Strukturen reproduzieren und trotzdem hab ich immer noch so viel Scheiß in meinem Kopf. Wenn man sich darum bemüht, das zu reflektieren, dann wird es irgendwie besser, es läppert sich, aber es wird niemals gut. Alles ist so durchdrungen von dieser Sorte Scheiße: Die Art wie wir lieben, wie wir feiern, wie wir arbeiten, wie wir wohnen, wie wir denken und sogar die Art, wie wir dagegen ankämpfen.

2018 habe ich meine Wut auf all das wiedergefunden und das ist gut so.

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